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Hanns Eisler – Mensch und Masse
Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien
25. Februar bis 12. Juli 2009

Weitere Informationen / Katalog
Pressespiegel
Kleine Zeitung (Graz)
Eisler, gebürtiger Wiener und überzeugter Kommunist, war eine politische Figur – vor allem aber war er eine jener musikalischen Größen österreichischen Ursprungs, die heute fast nur noch anderswo bekannt sind. […] Nach 1933, mit dem Nationalsozialismus in Deutschland und dem Ständestaat in Österreich war [für ihn] als Jude und Kommunist kein Platz mehr in Europa – Mexiko und die USA wurden Eisler zum Exil und zur neuen künstlerischen Heimat. Für Hollywood komponierte er Filmmusik, freundete sich mit Charlie Chaplin an und wurde zweimal für einen Oscar nominiert. Zur weithin bekannten Leitfigur wurde er auch hier allerdings eher mit seiner medienwirksamen Ausweisung in den ersten Wehen des Antikommunismus. […] Weniger aus Überzeugung denn aus Mangel an Alternativen ging Eisler also in die DDR, mit der er heute als Komponist der Hymne zu Johannes R. Bechers Gedicht Auferstanden aus den Ruinen wohl am schnellsten assoziiert wird. Hier machte er noch einmal Karriere – seine Einstellung zum Kommunismus der DDR bleibt dennoch unklar. […] „Er blieb immer Wiener“, erklärte Kurator Haas und belegt das mit der Erinnerung einer ostdeutschen Sängerin: „In unserem kommunistischen Land hat er mich immer mit "Gnädige Frau" angesprochen.“ (25. Februar 2009)
Die Presse (Wien)
Hanns Eisler, er ist wohl eine der verquersten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Schon das Wort Musikgeschichte schreibt man im Zusammenhang mit ihm unter Vorbehalt. Geschichte, ja. Musik, natürlich auch, aber nur in direktem Zusammenhang mit Geschichte. Geschichtsmusik, sozusagen. […] Ihm waren Widersprüche recht – und wir können heute seine Musik, die er bald nur noch aus politischem Anlass schrieb, ohne diese Konnotation gar nicht verstehen. Das macht den problematischen Nachruhm des überzeugten DDR-Bürgers aus, der als Inhaber eines österreichischen Passes alle Freiheiten hatte, die den Genossen im "besseren Deutschland" verwehrt blieben. […] Ob der Musik Hanns Eislers, etwa dem Chef d’Øuvre, der "Deutschen Symphonie" mit ihren agitatorischen Kleinkantaten inmitten, einmal solche, der Tagespolitik entwachsene, im höhern Sinne engagierte Wirkung zukommen kann; ob die Nachwelt Eisler also für einen bedeutenden Komponisten halten wird? Diese, die entscheidende Frage wird jetzt und hier nicht zu beantworten sein. (Wilhelm Sinkowitcz, 2. März 2009)
Der Standard (Wien)
Aus der Sicht einer heutigen Kultur, in der Musik als frei verfügbares Gut von jedermann aus dem Netz heruntergeladen werden kann, ist Eisler eigentlich eine "unmögliche", eine nur mehr schwer zu verstehende Figur. Die Hanns-Eisler-Ausstellung des Jüdischen Museums Wien (Hanns Eisler - Mensch und Masse) erinnert mit lebensgroßen Pappfiguren an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Es sind die vielen Anonymen, an die sich revolutionäre Künstler wie Eisler – im Bewusstsein der eigenen, "überlegenen" Weltsicht – wandten […] Musik, so kunstvoll sie auch sein mag, ist ab einem solchen Zeitpunkt nicht mehr einfach sie selbst. Sie muss mehr leisten, als bloß Harmoniegesetzen Genüge zu tun – mögen diese noch so "neu" sein. Musik wird zum Material – wie letztlich auch die Menschen, an die sie sich richtet. […] Für Eisler, den Komponisten der Johannes-R.-Becher-Hymne, hat man im Jüdischen Museum einen wunderbaren Parcours gebaut: In schwarzen Stellkästen mit Material-Waben hat man Lebenszeugnisse einer ruhelosen, untröstlichen Existenz versammelt. Es geht etwas Unversöhntes, Irritierendes von dieser Schau aus, die daran erinnert, was die Künste einst vermochten – als sich ihre begabtesten Urheber in den Dienst einer "Sache" stellten, die ihnen über den Kopf wuchs. (Ronald Pohl, 4. März 2009)
DIE ZEIT (Hamburg)
Hanns Eisler ist immer ein Herr geblieben. Im Stände-Ensemble des kapitalistischen Welt-Theaters gab er die klassische Rolle der bürgerlichen Künstlers, der den klassenjenseitigen Standpunkt einnehmen will. Auch er ist gescheitert. […] In Wien wird der Musiker nun präsentiert in einem aufgegagten musealen Design-Archiv mit der Ausstrahlung eines Mausoleums. Mattschwarze Schrankwände transportieren das Ambiente eines verstaubten Ablage-Kellers. Knallrote Bänder gängeln ohne Richtungsanzeiger durch die Regalschluchten der Materialfülle. […] Immer verstellen zitatgespickte Pappkameraden den Weg, behindern Schauen und Studieren, für das man ächzend in die Knie zu gehen hat. Um, beispielsweise, eine Trouvaille wie das schwer lesbar gehängte Stasi-Protokoll über den besoffenen Musiker zu entziffern. Oder um ein echtes Fundstück wie die vielhundertseitige FBI-Überwachungsakte im Leitz-Ordner aus dem Bodenfach zu wuchten und zu wälzen. Über Kopfhörer dazu: das angstflache Stimmchen des wortgewandten Bertolt des Großen. Brecht, in Anzug und Krawatte, mit augsburgerischem Englisch, der vor dem „Komitee für unamerikanische Aktivitäten“ sein blütenweißes Herrenhemd retten will und deswegen von den antikommunistischen Verhörern für sein Kollaborieren belobigt wird. Antikapitalistisch dröhnen gleich nebenan die unvergessenen Gassenhauer Vorwärts und nicht vergessen: die Solidarität und der Einheitsfront-Ohrwurm Eislers: Meisterwerke operativer Musik, tönende Agitprop-Klassiker, Meilensteine seines Rufes – kommunistische Korrektheit "schamlos melodiös". (Peter Ross, 5. März 2009).
Vielen Dank an Hannes Heher für die Übersendung der in Österreich erschienenen Rezensionen. |